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Amazon in Hengen: Was Bürger wollen

Der Gemeinderat von Bad Urach hat mehrheitlich entschieden, dass Amazon im Teilort Hengen ein Verteilzentrum bauen darf. Doch starker Bürgerprotest war die Folge. Nun wird es am 9. November einen Bürgerentscheid geben. Das Thema polarisiert. Der GEA hat sich vor Ort Argumente dafür und dagegen angehört.

In Bad Urach wird am 9. November über ein geplantes Verteilzentrum des Versand-Riesens Amazon abgestimmt.
In Bad Urach wird am 9. November über ein geplantes Verteilzentrum des Versand-Riesens Amazon abgestimmt. Foto: GEA-Repro
In Bad Urach wird am 9. November über ein geplantes Verteilzentrum des Versand-Riesens Amazon abgestimmt.
Foto: GEA-Repro

BAD URACH. Es ist drückend heiß auf dem Marktplatz. Heiß diskutiert wird rund ums GEA-Mobil auch das in Hengen geplante Amazon-Verteilzentrum. Vor dem Rathaus kommen ungewöhnlich viele Menschen zu den GEA-Redakteuren und sagen ihre Meinung. »Natürlich bin ich für die Ansiedlung in Hengen«, sagt Sabine Bittner. Der Verkauf an Amazon dürfte an die vier Millionen Euro bringen, schätzt sie – »Geld, das die Stadt verdammt gut brauchen kann«. Natürlich wäre ein kleiner Gewerbetreibender schön, sagt Bittner, »aber lieber ein großer als gar nichts – in Hengen ist viel zu lange nichts passiert«. Zum Protest des Bürgerforums: »Ich habe mich über so viele Leserbriefe geärgert, da waren so viele Unwahrheiten drin.« Zum Bürgerforum hat Sabine Bittner eine klare Meinung: »Eine laute, aber kleine Minderheit.«

Das Thema Amazon polarisiert – und der GEA hat mitten auf dem Uracher Marktplatz nachgefragt Foto: Frank Pieth
Das Thema Amazon polarisiert – und der GEA hat mitten auf dem Uracher Marktplatz nachgefragt
Foto: Frank Pieth

Gabriele Weber aus Hengen ist froh, dass sich das Bürgerforum formiert hat. »So ein Riesending«, sagt sie zum Verteilzentrum und winkt ab. »Wo so ein Bau hinkommt, werden noch ganz viele folgen, das wird dann alles Industriegebiet, und in 20 Jahren wird alles zu sein.« So was will sie in ihrer Nachbarschaft nicht. Amazon habe auf der Alb nichts zu suchen, »weit weg von der Autobahn«. Sie glaubt nicht, dass Amazon viele Arbeitsplätze bringen könnte, schon gar nicht in der Region. »Ein paar sitzen in den Büros, der Rest wird von irgendwo hergekarrt«, hat sie gehört. 

Verkehr und Natur als Themen

Markus Holder sieht keine Probleme, im Gegenteil: »Als interessierter Bürger kann ich nur sagen, St. Johann wäre froh gewesen, von Amazon so ein Angebot zur Ansiedlung bekommen zu haben. Der Standort ist ideal. Die Lastwagen fahren ja an Hengen vorbei.« Den Verkehr sieht Bernd Weber aus Hengen als zentrales Problem: »Alle Amazon-Befürworter werden Kulleraugen kriegen, wenn sie die Staus sehen, die es unten in Bad Urach geben wird.« Hengen werde den Verkehr packen, unten im Tal werde es aber Probleme geben. Vor allem die Tiergarten-Kreuzung beim Uracher ZOB werde den Verkehr nicht verkraften. Und: Die Ausweichstrecke durchs Elsach-Center werde noch mehr genutzt und so überlastet. Walter Damzog aus Bad Urach glaubt nicht, dass der Verkehr ein Problem darstellen wird: »Die kleinen Fahrzeuge werden nichts verstopfen.«

Birgit Baumann aus Zainingen fürchtet dagegen das erhöhte Verkehrsaufkommen, "das auch uns betreffen wird". Karoline Baumwolf aus Metzingen hat erst vor kurzem mitgekriegt, dass Amazon nach Hengen kommen soll. "Ich gebe zu, dass ich auch bei Amazon bestelle. Dennoch bin ich der Meinung, dass Amazon sich größere Städte für eine Ansiedlung aussuchen sollte, wo so was nicht so auffällt. Ralf Bittner aus Bad Urach befürwortet die Ansiedlung. Seine recht pragmatische Meinung: "Wir alle bestellen bei Amazon. Also müssen auch irgendwo die Verteilzentren hin." Er vertraut dem Konzern und der Stadt in puncto Planung, "die haben sich schon was dabei gedacht". Der aktive Amazon-Gegner Hans Sigel ist sicher, "dass wir am 9. November gewinnen". Seine Kritik: "Das bringt nur mehr Lastwagenverkehr. Bad Urach ist nun einmal verkehrstechnisch ein Nadelöhr."

Sabine Hunzinger (Bad Urach aktiv) befürwortet das Verteilzentrum in Hengen. Foto: Frank Pieth
Sabine Hunzinger (Bad Urach aktiv) befürwortet das Verteilzentrum in Hengen.
Foto: Frank Pieth

Auch Britta Götzendorfer vertraut Amazon bei der Planung. »Den Punkt Verkehr sehe ich auch skeptisch, denn Urach ist einfach ein Nadelöhr«, sagt sie. »Aber Amazon wird das gut durchdacht haben. Die haben doch sicher kein Interesse daran, dass die Fahrer ewig im Stau stehen.« – »Also ja: Ich bin für die Ansiedlung. Allerdings unter strengen ökologischen Auflagen.« Götzendorfer saß eine Periode lang im Stadtrat. »Grundsätzlich ist es sehr schade, dass viele Sitzungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden«, bemängelt sie. »Vieles benötigt sehr lange, bis es an die Öffentlichkeit gelangt.« Deshalb könne sie die »Verstimmung« bezüglich der öffentlichen Information über die Amazon-Pläne in Urach auch stellenweise nachvollziehen.

Sabine Hunzinger findet den Bürgerentscheid »eine feine Sache: Ich hoffe, dass sich die emotionale Diskussion versachlicht.« Für die Vorsitzende des Uracher Handels- und Gewerbevereins »ist auch das Schaffen von Arbeitsplätzen wichtig, nicht nur die hoch qualifizierten, sondern auch die in Teilzeit«. Am Ende sei es egal, ob in Hengen Amazon oder DHL ein Versandzentrum eröffne. »Das Unternehmen bringt Geld in die Stadtkasse, das wir nehmen sollten. Niemand will so etwas vor der Haustüre haben, da gilt immer noch das St. Floriansprinzip. Konsequenterweise dürfte kein Hengener oder keine Hengenerin mehr bei Amazon einkaufen, aber das passiert nicht, Amazon ist nun mal der Schrittgeber. Wir Gewerbetreibenden in Bad Urach begrüßen die Ansiedlung. Ich wünsche mir, dass die Kampagne bis zum 9. November sachlich, verträglich und auf Augenhöhe läuft.«

Markus Holder aus St. Johann sieht Hengen als idealen Standort für das Verteilzentrum. Foto: Frank Pieth
Markus Holder aus St. Johann sieht Hengen als idealen Standort für das Verteilzentrum.
Foto: Frank Pieth

"Als gebürtige Laichingerin würde ich sagen, das Ding gehört ins dortige Gewerbegebiet, da fällt es nicht auf", sagt Susanne Klar aus Bad Urach. "Mit der Amazon-Ansiedlung will Bürgermeister Elmar Rebmann nur sein Image aufpolieren, die Hengener haben nichts davon", sagt sie, "bei solchen gravierenden Veränderungen müssen die Bürger mehr eingebunden werden so wie es die Schweizer machen". Petra Mayer-Bock steht voll hinter dem Verteilzentrum: "Als ehemalige Gemeinderätin war ich in den Entscheidungsprozess eingebunden und befürworte, dass Amazon kommt. Es ist ein Superkonzept mit Nachhaltigkeit, und es werden Arbeitsplätze geschaffen. Hengen wird davon nicht tangiert. Es gilt bis zum 9. November die Befürworter zu aktivieren und den Gegnern nicht das Feld zu überlassen." Ingrid Maier kritisiert die Informationspolitik der Stadt: Es sei kein guter Zug gewesen, das Projekt zwei Jahre hinter verschlossenen Türen behandelt zu haben. Sie fürchtet die vielen Lieferfahrzeuge in und um Hengen, aber auch auf der L 245 nach Seeburg. "Ich bin nicht gegen die Ansiedlung von Industrie, "aber es muss gute Industrie sein, die Gewerbesteuer bringt – nicht 10.000 Euro Peanuts." Ihr Resümee: "Die sollen an die Autobahn."

»Ich bin gegen Amazon«, sagt Isabel Klemm. Sie gehört dem Bürgerforum an, und argumentiert nicht nur mir der Verkehrsbelastung, sondern auch mit der »Lichtverschmutzung. Amazon braucht 24/7 taghelle Beleuchtung«, meint sie. »Dadurch werden mit der Zeit Insekten vertrieben und danach auch die Vögel.« Zudem befürchtet sie, dass der Internetriese »überwiegend prekäre Arbeitsplätze schafft«: schlecht bezahlt in Teilzeit oder als Minijob auf 560-Euro-Basis. Gleich in einer Sechser-Gruppe unzufriedener Anwohner ist Harri Plickert gekommen. Ihre Häuser liegen nur wenige Hundert Meter vom geplanten Verteilzentrum entfernt. »Der Verkehr wird massiv zunehmen«, fürchtet er, »nicht nur auf der B 28, sondern auch im Ort.« – »Amazon setzt künftig immer mehr auf Roboter«, setzt seine Tochter Verena dem Arbeitsplatz-Argument entgegen.

Eine Gruppe von aktiven Amazon-Gegnern aus Hengen schart sich um GEA-Redakteur Markus Pfisterer. Foto: Frank Pieth
Eine Gruppe von aktiven Amazon-Gegnern aus Hengen schart sich um GEA-Redakteur Markus Pfisterer.
Foto: Frank Pieth

»Das Gebiet ist dafür nicht gemacht«, glaubt Waldemar Scheck, »es gibt wesentlich bessere Lokationen.« Marc Müller bringt »das ökologische Gepräge der Landwirtschaft« als Argument ins Spiel. Bio-Roggen oder -Gerste werde auf den Feldern rund um Hengen angebaut, zudem liege die gesamte Gemarkung im Biosphärengebiet. »Es fliegen sehr häufig Greifvögel – Milane, Bussarde –, Fledermäuse und Schmetterlinge.« Durch den Bau des Verteilzentrums sieht er sie bedroht. Katja Burkhardt ist eine der Vertrauenspersonen der Hengener, die das Bürgerbegehren gestartet haben. Ist ihr Hauptkritikpunkt die drohende Mehrverkehrsbelastung und tut ihr »einfach weh«, dass ein Dolinenschutzgebiet durch das neue Verteilzentrum beeinträchtigt werden könnte, hat sie zusätzlich »den Eindruck, dass über die Köpfe der Bürger in Hengen entschieden wird«.

In diese Kerbe stoßen auch Sigrun und Kurt Vöhringer aus Hengen. »So, wie es gelaufen ist, ist es nicht fair – es wurde von der Stadt jahrelang unter der Decke gehalten«, sagt sie. »Das Projekt erdrückt uns.« Das Parkhaus sei 18 Meter hoch geplant, sagt er. »Ich bin eher gegen das Verteilzentrum«, sagt Andrea Salzer, die mehr Verkehr in der und um die Kurstadt fürchtet »Das Chaos haben wir doch jetzt schon mit der Baustelle« – den Ausbau der Knotenpunkte an der B 28 in Urach. Salzer bestellt nicht mehr bei Amazon, seit der Online-Riese den Bau in Hengen plant.

»Amazon in Hengen hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun«, sagt Emilia Kiefer. Die versprochenen Arbeitsplätze sieht sie durch KI schwinden. Und die Gewerbesteuer-Einnahmen: »Da glaubt ja der Gemeinderat selber nicht dran.« Gewinne durch die Einkommenssteuer sieht sie in Bad Urach auch nicht, »weil die Leute ja von auswärts hergekarrt werden«. – »Wir sind nachhaltig, regional. Ein Amazon-Verteilzentrum passt einfach nicht hierher«, findet Julitta Fehrle. »Unser Tor zur Alb wird so verschandelt.« Sie ist sich sicher, dass ein Großteil der Arbeitsplätze, mit deren Schaffung man argumentiert, mittelfristig durch Roboter ersetzt wird. Außerdem sagt sie: »Bei der Post fallen 100 Arbeitsplätze weg – weil die bisher die Touren für Amazon fahren.«

Risse durch Familien

Auch Hans Lieb ist gegen Amazon. Der Hengener Landwirt bemängelt, dass »die Fläche für viele Generationen wegfällt«, wenn sie erst mal bebaut ist. Er und seine Frau haben fürs Bürgerbegehren Unterschriften gesammelt. »Wenn die Verwaltung von Anfang an offen kommuniziert hätte, hätte man sich viel Ärger erspart«, sagt er. »Aber jetzt gehen Risse teilweise durch Familien.« – »Wir sind bewusst erst wieder nach Hengen zurückgezogen«, sagt Cornelia Schindler. Sie schätzt die Naturnähe und die Ruhe im Uracher Teilort – und sieht all diese Vorzüge durch die Amazon-Pläne in Gefahr. »Man sollte lieber kleine und regionalere Betriebe im Gewerbegebiet ansiedeln« findet sie. »Ich selbst bestelle auch nichts bei Amazon.« Den Bürgerentscheid findet sie sehr gut – »und das Ergebnis müssen wir dann auch akzeptieren, egal wie es ausfällt«. (and/kk/ber/pfi)