MÖSSINGEN-BELSEN. Obstbäume. So weit das Auge reicht. Bis zum bewaldeten Fuß des Dreifürstensteins: In Belsen liegt der größte zusammenhängende, unbebaute »Obstgarten« des gesamten Streuobstparadieses. Nirgends sonst unter dem Albtrauf kann man durch ein vier Quadratkilometer großes naturnahes Baumwiesen-Areale spazieren.
Hunderte haben hier ihre Gütle. Meist über Generationen in Familien weitervererbt. An den äußersten Rändern, wo die Wälder beginnen, am weitesten vom alten Dorf entfernt, liegen die sogenannten Allmend-Teile. Wie auch unterhalb des Mössinger Farrenbergs und der Olgahöhe. Sie gehören seit Alters her der Dorf-Gemeinschaft, heute der Stadt. Die altertümliche Bezeichnung (ursprünglich: algmenda, also allgemeinde) verdeutlicht, dass sie auf den Volksnamen der alamannischen Neusiedler zurückgeht, die sich vor rund 1.500 Jahren im Lande niederließen und ihr Gemeindeland unter sich aufteilten. Noch bevor sich Adel und Klerus das Land und die Bewohner untertan machten. Überdauert haben Wiesen-, Weiden- und Waldflächen, die den Bedürftigen einer Gemeinschaft zufielen. In der Regel auf Lebenszeit.
Nach der Wirtschaftswunderzeit waren die Allmend-Grundstücke ein Auslaufmodell. Keiner musste mehr hungern. Obst war zu jeder Jahreszeit verfügbar. Die meisten Familien, die Teile in den Randlagen der Markung gepachtet und bewirtschaftet haben, gaben sie zurück.
Die Bäume wurden nicht mehr geschnitten, vergreisten, die Wiesen wucherten zu. Neue Pächter zu finden, war schwierig. Auch weil die Verpachtung auf der Basis veralteter Karten und Bestände stattfinden musste: Bäume waren abgegangen, Wildwuchs und Hecken veränderten die Parzellen. Das war die Ausgangslage vor zwölf Jahren, als das Netzwerk Streuobst im Rahmen einer neu ins Leben gerufenen Aktion "Mössinger ernten Mössinger" die Bäume nicht verpachteter Allmandteile aberntete. Die Initiative begann damit, die Parzellen samt Bäume zu erfassen und digital in der Pachtplattform "mystueckle.de" zur Verfügung zu stellen: Eine Trendwende für die Obstbaum-Verpachtung. Denn mithilfe des einfachen und unbürokratischen Online-Zugangs entdeckten viele Familien und Zugezogene die Obsternte aus dem naturnahen Garten für sich.
Über 60 Stückle warten auf neue Pächter
Heute geht das Projekt »myStückle« in die dritte Phase. Zu den seither erfassten 516 erfassten Mössinger Wiesen sind jetzt 225 dazugekommen, die meisten aus Belsen, so Ulrich Eder vom Netzwerk. »Derzeit können wir 61 Stückle verpachten, davon 40 in Belsen.«
Martin Gönner unterstützt die Erfolgs-Initiative zum Erhalt der Kulturlandschaft nicht nur finanziell. Er sieht auch als Baubürgermeister die Notwendigkeit, mit Neubaugebiets-Planungen sehr zurückhaltend umzugehen. »Als im Oktober 2015 die Plattform gestartet wurde, gingen die Stückle weg wie warme Semmeln.« Für die Stadt ist diese Börse ein praktisches Instrument, Bürgern den einfachen Zugang zu Pachtgrundstücken zu ermöglichen.
Zurzeit gehört von den knapp 40.000 Obstbäumen rund um Mössingen ein Viertel der Stadt. Nach der Kartierung der Flächen südlich Mössingen, vor allem entlang des Panoramawegs, wurde 2023 »mystückle 3.0« gestartet. »Damit kamen über 200 weitere Stückle mit über 1.308 Bäumen zum Altgebiet dazu«, so Sabine Mall-Eder. In Belsen sind es 534 Apfel-, 447 Kirsch- und 150 Zwetschgenbäume. Ferner 126 Birnen-, 27 Walnuss- und 21 wilde Pflaumenbäume auf den Allmend-Teilen.
Die Parzellen sind nummeriert und auf der Webseite über eine Karte detailliert einsehbar. Mit Klick auf das eingetragene GPS-erfasste Flurstück öffnet sich ein Infofenster, das keine Fragen offenlässt: Obstart, Erreichbarkeit, Pflegezustand sowie Stammgröße, Schäden, Totholzanteil, und Mistelbefall. Man kann sich auch umgekehrt nach den ersten drei Punkten sein Wunsch-Stückle aussuchen.
Pachtkosten unter 10 Euro
»Der günstige Pachtpreis liegt unter zehn Euro im Jahr«, so Hanna Buckenmayer vom Liegenschaftsamt. Als Pächter kann man nicht nur frisches Obst ernten, sondern muss natürlich auch seine Stückle pflegen. Übrigens kein Hexenwerk. Mindestens einmal im Jahr mähen und regelmäßig schneiden. Wer Hilfe benötigt, auch Gerätschaften, wendet sich an einen der beiden Obst- und Gartenbauvereine oder die AiS (Arbeit in Selbsthilfe). »Wir sind die Exekutive in diesem Zusammenspiel vieler Akteure«, so Marcus Hölz. Drei Pflegeteams mit 18 Mitarbeitern bringen die neu erfassten Stückle auf Vordermann. »Bisher haben wir 170 Parzellen mit 270 Bäumen gerichtet.« Dazu zählen auch Nachpflanzungen, so Daniela Häberle. Das Portfolio müsse stimmen. »Die Leute bevorzugen Äpfel. Eine Wiese nur mit Kirschen- und Zwetschgen will keiner«.
Unterstützt wird die nachhaltige Allmend-Renaturierung vom »Projekt des Landes zur Erhaltung und Entwicklung von Natur und Umwelt« (Plenum) mit einem Zuschuss von 43.000 Euro. »Das erhält auch den Lebensraum von bis zu 5.000 Pflanzen- und Tierarten«, so Kolja Schümann, Geschäftsführer des Vereins Vielfalt e.V. (Verein für Inklusion, Erhaltung der Landschaft und Förderung des Artenreichtums im Landkreis Tübingen). Die Pachtgrundstücke dürfen freilich nicht zweckentfremdet werden: Keine Brennholzlagerung, Grillhütten-Plätze oder Zierstrauch-Pflanzungen sind erlaubt. (GEA)





