MÜNSINGEN. Für Sabine Lang vom Museum der Stiftung Anton Geiselhart ist es ein »groß angelegtes Projekt«. In der Tat gab es eine Kunstausstellung wie diese noch nie in Münsingen: Zeitgleich werden an vier Orten vier Ausstellungen zu sehen sein. Jede steht für sich, und doch gibt es ein verbindendes Element, ein gemeinsames Thema: Alles, was an Kunst zu sehen ist, nimmt Natur und Landschaft der Alb in den Blick – der Titel »Alb Weitblick« steht für vielgestaltige Perspektiven.
Die Idee dazu hatte Kulturamtsleiter Yannik Krebs. Die Stadt selbst will ihre Zehntscheuer – in der jüngst die Ausstellung mit Flugrädern des Tüftlers Gustav Mesmer zu sehen war, die alle Erwartungen übertraf – wieder mehr ins Kulturgeschehen einbinden.
Marmor und Erde
»Darüber hinaus haben wir so tolle Ausstellungshäuser im Münsinger Raum«, so Krebs, der die Initiative ergriff – und überall auf große Begeisterung stieß. Neben der Stiftung Geiselhart in Gundelfingen ist ein weiterer Lautertal-Kulturort dabei: das Living Museum in Buttenhausen, das Künstler mit und ohne Handicap miteinander in Kontakt bringt und sichtbar macht. Der vierte Ort ist die Kulturwerkstatt BT 24 im Albgut.
Alle vier Einrichtungen zeigen von 14. September bis 26. Oktober zu ihren jeweiligen Öffnungszeiten ihre eigene Ausstellung, jede von ihnen darf ein Highlight präsentieren: Vernissage wird am 14. September im Museum Geiselhart gefeiert, Finissage am 26. Oktober in der Zehntscheuer. Das Living Museum hat am 19. Oktober um 14 Uhr eine Performance zum Thema Luft im Kalender stehen, und im BT 24 wird Uwe Bürkle am Wochenende 4. und 5. Oktober eine Skulptur bauen – vor Regen geschützt auf der Veranda der ehemaligen Soldatenunterkunft.
Im BT 24 selbst stellen fünf weitere Künstler aus. »Sie nehmen die kleinsten Teile der Natur, Bewegungen und Strukturen in den Blick«, sagt Edith Koschwitz, die Gründerin des Kulturhauses. Der Münsinger Edgar Braig gestaltet eine Skulptur, deren Gestalt und Material eng mit der Alb verbunden sind: eine Steinleserin aus Böttinger Marmor auf einem Steinfeld – Steineklauben gehört in der Landwirtschaft auf der Alb dazu. Ulrich Koch bittet Besucher, ihm Erde mitzubringen, um sein »Archiv für Erdgeschichte« weiter zu füllen. Sara Pütter bildet in Illustrationen die feinen Strukturen von Blattwerk, Flechten oder Pilzen nach.
Farbgewaltige Urwelten
Dieter Seemann war jahrzehntelang Förster, jetzt hält er das, was er früher mit den Augen gesehen hat, mit der Kamera fest – und schaut noch genauer hin: Die Macrofotografie macht winzige Details auf Insektenkörpern oder Blüten sichtbar. Renate Vetter extrahiert ihre Farbe aus Böden und richtet den Blick auf die Farbvielfalt der Erde.
Sabine Lang vom Museum Anton Geiselhart hat mit Ulrike Donié eine Künstlerin gewonnen, die unter die Oberfläche schaut. »Under the Surface« ist der Titel, der über ihren fiktiven, farbgewaltigen Urwelten steht. Urwelten, die unter der Oberfläche des schwäbischen Jurameers entstanden sein könnten – oder ganz wo anders. Die archetypischen Bilder, sagt Donié, sind eine Art kollektiver Erinnerung, die in jedem Kulturkreis verstanden und interpretiert werden.
VERNISSAGE
Die Ausstellung »Alb Weitblick« wird am Sonntag, 14. September, um 11 Uhr im Museum der Stiftung Anton Geiselhart in Gundelfingen eröffnet. Geöffnet ist an diesem Tag – ebenso in der Zehntscheuer in Münsingen, im Living Museum in Buttenhausen und im BT 24 im Albgut – von 14 bis 17 Uhr. Ansonsten gelten individuelle Öffnungszeiten, die teilweise voneinander abweichen. Die Ausstellung läuft bis einschließlich 26. Oktober. (ma)
Das Living Museum verfolgt ein inklusives Konzept, sagt Leiterin Sarah Boger. Am »Alb Weitblick« sind sechs Kunstschaffende beteiligt, mit und ohne Behinderung, an Hochschulen Ausgebildete genauso wie Autodidakten. Anika Hellstern aus Gammertingen zeigt ihre Vogelporträts, Jochen Hofhanse verarbeitet in der Landschaft Gefundenes und Gesammeltes in seinen Objekten.
Roland Kappel aus Mariaberg, der im vergangenen Jahr gestorben ist, war für seine Baumaschinen-Begeisterung bekannt. In Buttenhausen ist nun ein anderer Teil seines Werks zu sehen: Landschaftszeichnungen, in denen bisweilen auch die Architektur eine Rolle spielt. Mit Christoph Menschel ist auch ein Münsinger Künstler vertreten – in diesem Fall mit expressiven Landschaftsgemälden. Leonie Mysliwetz thematisiert in ihren Fotografien das Zusammenspiel zwischen Natur und sich selbst. Klaus Rexin malt nicht nur, er schreibt auch, »Natur hat für ihn viel mit Geborgenheit und Heimat zu tun«, sagt Sarah Boger.
Verfremdete Fotografien
Die Zehntscheuer in Münsingen bespielen drei Künstler. Angela Flaig macht aus winzigen Pflanzensamen Objekte. Gert Wiedmaier überzieht seine Naturfotografien mit einer Wachsschicht: Waldmotive zum Beispiel bekommen so eine mystische Note. Eva Doelker-Heim malt mit Pigmenten aus der Natur auf Leinwand und Stoffen. (GEA)



