METZINGEN-NEUHAUSEN. »Es ist leider nicht die Resonanz, wie wenn man Würstchen brät«, leitete Ortsvorsteher Günter Hau ein: Nur etwa 30 Leute waren am Mittwochabend zum Bürgerdialog in den Neuhäuser Bindhof gekommen. Thema: die anstehende Neuauflage des Metzinger Lärmaktionsplans. 75 Minuten später rauchten die Köpfe, und Hau, der souverän moderierende Erste Bürgermeister der Kelternstadt Patrick Hubertz, Ordnungsamtsleiter Albrecht Gaiser und die Schallschutzexperten des Büros Heine + Jud hatten inhaltlich gehörig Resonanz erhalten: Ein Großteil der Besucher machte den Mund auf.
Vor allem, als es um Tempo 30 auf der Neuhäuser Ortsdurchfahrt ging - eine von sieben von Heine + Jud empfohlenen Lärmschutzmaßnahmen für Metzingen und seine Teilorte. Der Vorschlag stieß im Bindhof auf breite Zustimmung. »Die Straße trennt immer noch«, meinte eine Frau, »wenn Tempo 30 festgesetzt ist, können sich die Ortsteile neu entfalten.« Derzeit gilt bis auf einen blitzergesicherten, 150 Meter langen Abschnitt am Kinderhaus Erms noch Tempo 50 auf der ehemaligen B 28.
»Den Tempo-30-Abschnitt beim Kinderhaus mussten wir verkürzen, nachdem jemand beim Regierungspräsidium dagegen vorgegangen ist«
Früher war der 30er-Abschnitt 300 Meter lang. »Dagegen ist jemand beim Regierungspräsidium Tübingen vorgegangen«, erläuterte Gaiser. Das RP ist Rechtsaufsichtsbehörde für die Große Kreisstadt Metzingen. Ergebnis: »Ein Schutz der Kinder ist auch bei 150 Metern noch möglich.« Die Schilder wurden versetzt. Das leuchtete einer Bürgerin im Bindhof nicht ein: »Die Kinder machen Ausflüge, die auch an dem Tempo-50-Abschnitt entlangführen.«
Die Stadtverwaltung und andere für Straßen zuständige Verkehrsbehörden müssen bei ihren geplanten Lärmschutzmaßnahmen indes immer alle möglichen Interessen einbeziehen und abwägen, machten Hubertz und Gaiser deutlich - nicht nur die der (Hubertz) »nicht repräsentativen« und ebenso sachlich wie emotional diskutierenden Dialogbürger im Bindhof, sondern auch etwa die von Busfahrgästen, die am Bahnhof Anschlüsse bekommen müssen, oder die der Autofahrer, die zügig ans Ziel kommen wollen.
Dazu müssen viele aber gar nicht durch Neuhausen, auch wenn die Macht der Gewohnheit ihnen anderes vorzuschreiben scheint. »Bei Tempo 30 auf der Ortsdurchfahrt werden sie schon vom Navi auf die Umfahrung geleitet«, meinte ein Besucher. Dann könnte es im Teilort ruhiger werden. Ob es für die Anwohner der Verkehrsader seit Freigabe der Ortsumfahrung wirklich noch zu laut ist? Die Meinungen gingen nur leicht auseinander. »Ich wohne 20 Meter von der Ortsdurchfahrt, ein Haus ist dazwischen, ich kann die Fenster aufmachen und höre keinen Verkehr mehr.« Er war ein einsamer Rufer im historischen Gemäuer. »Es ist unerträglich«, hielt eine andere, ähnlich weit entfernt lebende Anwohnerin dagegen, »wir können nachts kein Fenster mehr aufmachen.« Fest steht jedenfalls, dass über 8.200 Fahrzeuge am Tag auf der großen Verkehrsader unterwegs sind.
»Seit der Kreisverkehr bei der Motorworld frei ist, haben wir viel mehr schwere Lastwagen im Ort«
Eine weitere Neuhäuserin beklagte »seit der Freigabe des Kreisverkehrs bei der Motorworld und der Esso-Tankstelle viel mehr Schwerlastverkehr in Neuhausen. Kann man für ihn kein Durchfahrtverbot verhängen?« - »Wir haben in Neuhausen auch Quellverkehr«, entgegnete Ortsvorsteher Hau. Will heißen, Gewerbebetriebe, die von Lkw angefahren werden - der HG-Markt in der Ortsmitte etwa.
Bürgermeister Hubertz nahm letztlich das sehr eindeutige Mehrheitsvotum der wenigen Bindhof-Besucher für Tempo 30 auf der gesamten Neuhäuser Ortsdurchfahrt mit, was diese mit Applaus belohnten. Um auf der »bolzengeraden« Straße Raserei zu vermeiden, schlug eine Frau bauliche Verengungen vor. Die übrigen sechs in der Kernstadt und in Glems geplanten Tempo-30- oder Tempo-40-Bereiche blieben in der Neuhäuser Diskussion weitgehend außen vor. Hubertz selbst ist wichtig, dass das Limit nicht alle paar hundert Meter wechselt, sondern Autofahrer eine gewisse Verlässlichkeit haben. »Eine Ost-West-Achse mit Tempo 30 und eine Nord-Süd-Achse mit Tempo 40« hält er für denkbar, ohne dem Gemeinderat freilich vorgreifen zu wollen.
»Eine Ost-West-Achse mit Tempo 30 und eine Nord-Süd-Achse mit Tempo 40 wären denkbar «
Am 8. Januar können weitere Interessierte bei einer Online-Veranstaltung ihre Meinung sagen. Auch ÖPNV-Betreiber und andere sogenannte Träger öffentlicher Belange können Stellung zu den Lärmschutz-Vorschlägen des Büros Heine + Jud nehmen, die deren Mitarbeiter Sebastian Gerner in Neuhausen vorgestellt hat. Spätestens im zweiten Quartal wird der Metzinger Gemeinderat beschließen, wo in der Stadt aus seiner Sicht welches Tempolimit gelten soll. Für die Ulmer Straße, den Lindenplatz, die Wilhelmstraße und die Eichbergstraße könnten es 30, auf der Noyon-Allee un in der Ortsdurchfahrt Glems 40 Sachen sein.
Anschließend werden die Verkehrsbehörden von (je nach Straßenzug) Stadt, Landratsamt und Regierungspräsidium Interessen abwägen und Maßnahmen umsetzen, sprich, Schilder aufstellen. »Sind grundrechtlich relevante Lärmbelastungsbereiche betroffen, schrumpft das Ermessen der Verkehrsbehörde auf Null«, machte Hubertz schon mal klar. Will heißen, sind Anwohner ohne Tempo 30 tagsüber unter Verkehrslärm von mindestens 60, nachts von mindestens 70 Dezibel betroffen, muss die Geschwindigkeit runtergesetzt werden. Laut Heine + Jud wäre das bei sieben beziehungsweise sechs Häusern der Fall. (GEA)



