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Halbstundentakt im Ermstal: Arbeiten im Plan, Restrisiko bleibt

Am Freitag laufen die Abnahmefahrten, am Samstag bis 23.59 Uhr müssen die neuen Stellwerke, Signale und Weichen und die Oberleitung im Bahnhof Metzingen abgenommen sein, damit anschließend dort wieder Züge fahren können. Wie Verantwortungsträger die Lage einschätzen und was passiert, wenn das neue Stellwerk doch noch nicht arbeiten darf.

Freuen sich über den planmäßigen Verlauf der Ausbauarbeiten im Bahnhof Metzingen: (von links) Muhammet Topaloglu von der Firma T
Freuen sich über den planmäßigen Verlauf der Ausbauarbeiten im Bahnhof Metzingen: (von links) Muhammet Topaloglu von der Firma Train Tech Consult, Harald Fechter und Professor Dr. Tobias Bernecker vom Zweckverband Regional-Stadtbahn Neckar-Alb Foto: Markus Pfisterer
Freuen sich über den planmäßigen Verlauf der Ausbauarbeiten im Bahnhof Metzingen: (von links) Muhammet Topaloglu von der Firma Train Tech Consult, Harald Fechter und Professor Dr. Tobias Bernecker vom Zweckverband Regional-Stadtbahn Neckar-Alb
Foto: Markus Pfisterer

METZINGEN/DETTINGEN. Die Sonne strahlt, die Verantwortlichen lächeln. »Die erste Zugkreuzung in Dettingen-Gsaidt ist am Montag um 5.30 Uhr geplant«, sagt Professor Dr. Tobias Bernecker, Geschäftsführer des Zweckverbands Regional-Stadtbahn Neckar-Alb. Und damit der Halbstundentakt auf der Ermstalbahn, zunächst montags bis freitags. »Es ist ein großer Meilenstein auf dem Weg zur Regional-Stadtbahn«, würdigt Bernecker den Stand der Dinge am Freitagmittag. »Wir hoffen, dass es klappt.« Dann wäre das Modul 1 der Regional-Stadtbahn Neckar-Alb mit drei Jahren Verspätung erfolgreich abgeschlossen.

Noch ist nicht alles in trockenen Tüchern. »Ein Restrisiko bleibt«, räumen Bernecker und Harald Fechter, kaufmännischer Geschäftsführer bei der RSBNA SI (Schieneninfrastruktur) GmbH, der ehemaligen Erms-Neckar-Bahn AG, die heute zum Zweckverband gehört, ein. Auf Hochtouren haben teils 50 Bauarbeiter gleichzeitig in den vergangenen zwei Wochen in den Bahnhöfen Metzingen und in Dettingen-Gsaidt an zwei neuen Stellwerken geschafft, auch nachts und teilweise sonntags. Erst sie ermöglichen den Halbstundentakt, zusammen mit dem ebenfalls neuen vierten Gleis in Metzingen und dem zusätzlichen zweiten in Gsaidt. Geht alles glatt, werden sich an beiden Stationen ab Montag Züge begegnen.

»Wir gehen davon aus, dass der Knopf bis Sonntag drankommt«

Vorher muss aber ausgiebig getestet werden, ob die komplexe Technik funktioniert. Schritt für Schritt. Seit Mittwoch ist deshalb ein Dieseltriebwagen im ansonsten seit Anfang Dezember gesperrten Abschnitt der Neckar-Alb-Bahn zwischen Nürtingen, Metzingen und Reutlingen sowie auf der Ermstalbahn im Einsatz, zunächst mit verringerter Baustellengeschwindigkeit, später mit dem üblichen Streckentempo.

Alle Fahrten und sonstigen Tests der Technikkomponenten sind bis zum Pressetermin am Freitagmittag in Dettingen-Gsaidt und Metzingen gut verlaufen. Für einzelne unvorhersehbare "Querschläger" fanden die Techniker kreative Lösungen. »Wir gehen davon aus, dass der Knopf bis Sonntag drankommt«, sagt Muhammet Topaloglu, technischer Projektleiter und Geschäftsführer der Firma Train Tech Consult aus Mörfelden bei Frankfurt, die von der RSBNA SI GmbH mit der Ausführung der Arbeiten in Metzingen und an der Ermstalbahn betraut wurde. Die RSBNA SI wiederum hat einen Vertrag mit der DB InfraGo zum stadtbahntauglichen Ausbau des Bahnhofs Metzingen.

Die örtliche Betriebsleiterin Alina Thieß zeigt im Stellwerk Dettingen-Gsaidt einen Bedienplatz für Fahrdienstleiter, von dem au
Die örtliche Betriebsleiterin Alina Thieß zeigt im Stellwerk Dettingen-Gsaidt einen Bedienplatz für Fahrdienstleiter, von dem aus künftig der Betrieb der Ermstalbahn gesteuert wurde. Früher war das Gebäude ein Bahnwärterhaus. Foto: Markus Pfisterer
Die örtliche Betriebsleiterin Alina Thieß zeigt im Stellwerk Dettingen-Gsaidt einen Bedienplatz für Fahrdienstleiter, von dem aus künftig der Betrieb der Ermstalbahn gesteuert wurde. Früher war das Gebäude ein Bahnwärterhaus.
Foto: Markus Pfisterer

Drei große weitere Unternehmen waren und sind mit umfangreichen Gleisbau- und Oberleitungsarbeiten sowie der Inbetriebnahme des neuen elektronischen Stellwerks beschäftigt, das sich in zwei unscheinbaren Betonhüllen an der Noyon-Allee befindet. Sieben Weichen waren in der stark befahrenen Zugstation im vergangenen halben Jahr auszutauschen oder neu zu verlegen, das Gleis 4 ans Schienennetz anzubinden und an allen Gleisen neue Signale aufzustellen. Jetzt muss die komplexe neue Technik getestet werden, auch das Zusammenspiel ihrer Komponenten: Werden etwa eingestellte Fahrstraßen mit grünen Signalen wieder automatisch aufgelöst, wenn die Züge durchgefahren sind? Einer von etlichen Prüfpunkten.

Ob die neue Technik komplett termingerecht abgenommen wird, wird erst am Samstag um 23.59 Uhr feststehen. »Die Abnahmefahrten sind für Freitag terminiert«, sagt Topaloglu, »als Reserve haben wir noch den Samstag.« Am Sonntag um zwei Uhr früh ist deutschlandweit Fahrplanwechsel bei den Eisenbahnen. Dann wird sich herausstellen, ob das regionale Bahn-Großprojekt erfolgreich war und die ersten Züge durch den komplett von neuer Technik gesicherten Bahnhof Metzingen fahren.

»Ein bisschen gefeiert haben wir schon, Catering für die Bauarbeiter organisiert«

Solche der Neckar-Alb-Bahn Stuttgart - Tübingen genauso wie solche der Ermstalbahn Metzingen - Bad Urach, die am Wochenende vorerst noch stündlich verkehrt. Zudem geht an der Neckar-Alb-Bahn bei Bempflingen neue Technik in Betrieb, die die sogenannte Blockverdichtung ermöglichen wird: Dann werden zwischen Metzingen und Nürtingen in jeder Richtung zwei statt bisher ein Zug zeitgleich unterwegs sein können, was der Betriebsstabilisierung auf der sehr verspätungsanfälligen Hauptstrecke dienen soll.

Mit der durchweg stadtbahnfreundlich eingestellten lokalen Politprominenz gefeiert werden soll der Halbstundentakt erst dann, wenn der Deckel drauf, der Takt also Wirklichkeit ist. »Ein bisschen gefeiert haben wir schon«, blickt Harald Fechter zurück, »Catering für die Bauarbeiter organisiert«. Samstagnacht und Sonntagfrüh will er wie Bernecker an der Strecke stehen, schauen, ob der große Wurf geglückt ist.

»Die Fahrzeuge sind da, die Lokführer sind da - auch im Ammertal. Die Fahrdienstleiterschichten sind besetzt «

Und wenn doch etwas schiefgeht bei den restlichen Arbeiten? Dann fahren ab Sonntag zumindest auf der Neckar-Alb-Bahn trotzdem wieder Züge, informiert Muhammet Topaloglu, »im Bahnhof Metzingen mit verminderter Geschwindigkeit«. Das wäre ein Notkonzept. »Im Ermstal müsste man wieder Busse im Schienenersatzverkehr bestellen.«

Doch dieses Worstcase-Szenario ist am sonnigen Freitagmittag unwahrscheinlich. Bei Tobias Bernecker, Harald Fechter und Peter Beck, dem technischen Bereichsleiter bei der RSBNA SI, am Bahnsteig in Dettingen-Gsaidt schaut Ulrich Hönisch mit entspannter Miene vorbei. »Die Abnahme ist zu 99,98 Prozent gelaufen«, spricht der Freie Sachverständige für den neuen Zugbegegnungsbahnhof, »gleich mache ich den Eintrag im Abnahmebuch.« Wenn das kein gutes Omen auch für den Bahnhof Metzingen ist.

Gute Nachrichten hat Bernecker auch für die Fahrgäste der Ammertalbahn Tübingen - Herrenberg dabei, die wie die Ermstalbahn von der DB Regio mit Elektrotriebzügen vom Typ Coradia Continental betrieben wird. Entgegen anderslautender Informationen bringe der Halbstundentakt auf der Ermstalbahn samt Weiterführung über Reutlingen nach Tübingen keine Verschlechterung im Ammertal mit sich, sagt der Zweckverbandsgeschäftsführer, der am Donnerstag mit DB Regio telefoniert hat, »die Fahrzeuge sind da, die Lokführer sind da, die Fahrdienstleiterschichten sind besetzt.« (GEA)