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Mössingerin spricht über Tötung ihrer besten Freundin

Im Juni 2023 wird die 22-jährige Priya in Mössingen von ihrem Freund getötet. Ihre Freundin Sonja blickt im SWR-Format »Im Namen der Opfer« zurück auf eine Beziehung voller Gewalt, auf übersehene Warnzeichen und auf einen Verlust, der ihr Leben verändert hat.

Die Tat war brutal: Ein 21-Jähriger schlug und würgte seine damalige Freundin im Juni 2023 in deren Mössinger Wohnung so heftig,
Die Tat war brutal: Ein 21-Jähriger schlug und würgte seine damalige Freundin im Juni 2023 in deren Mössinger Wohnung so heftig, dass die damals 22-Jährige vor Ort an ihren Verletzungen starb. Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Die Tat war brutal: Ein 21-Jähriger schlug und würgte seine damalige Freundin im Juni 2023 in deren Mössinger Wohnung so heftig, dass die damals 22-Jährige vor Ort an ihren Verletzungen starb.
Foto: Sebastian Kahnert/dpa

MÖSSINGEN. Den 18. Juni 2023 wird Sonja nie vergessen. An diesem Tag wurde ihre beste Freundin Priya in ihrer Wohnung in Mössingen getötet – von ihrem damaligen Freund. Die gemeinsame, 18 Monate alte Tochter ließ er allein zurück. Im SWR-Format »Im Namen der Opfer« spricht Sonja erstmals ausführlich über die Tat, über Warnzeichen, Schuldgefühle – und über einen Verlust, der ihr Leben bis heute bestimmt.

Sonja kannte Priya seit der Schulzeit. 2019 lernten sich die beiden kennen und wurden schnell beste Freundinnen. Priya, die zwölf Jahre zuvor aus Thailand nach Deutschland gekommen war, galt als lebensfroh, liebevoll und stets hilfsbereit. »Sie konnte nicht mal einer Fliege etwas zuleide tun«, sagt Sonja. Gemeinsam teilten sie viele Interessen, vor allem die Fasnet. Später trat Priya selbst in eine Reutlinger Narrenzunft ein.

Gewalt gegen Freundin beginnt früh in der Beziehung

Als Priya im Dezember 2020 ihren Freund kennenlernte, war sie 19 Jahre alt. Dass ihre Freundin in einer zunehmend gewalttätigen Beziehung lebte, erkannte Sonja erst allmählich. Anfangs wirkte der Mann sympathisch, ruhig und nett. Doch er veränderte sich: wurde launisch, hibbelig, aggressiv. Sonja bemerkte blaue Flecken. Priya erklärte sie als harmlose Stöße. »Ich habe mir keinen Kopf gemacht, dass ihr Freund dahinterstecken könnte«, sagt Sonja. Erst später wurde klar: Die Gewalt begann früh – auch nachdem Priya im März 2021 schwanger geworden war. »Er wollte das Kind nicht«, sagt Sonja. Er habe sie sogar mehrfach in den Bauch getreten.

Was Sonja schildert, bestätigte auch vor dem Landgericht Tübingen: Die Beziehung war geprägt von Streit, Kontrolle und körperlichen Übergriffen. Der Täter aus Bodelshausen, damals 21 Jahre alt, war alkoholkrank, und aggressiv. Trotz einer zwischenzeitlichen Trennung kamen beide im Frühjahr 2023 wieder zusammen. Sonja sah das mit Sorge. An Priyas 22. Geburtstag eskalierte ein Streit. »Sachen sind hin- und hergeflogen«, erinnert sie sich. »Ich hatte selber Panik vor ihm.« Als Sonja die Feier verließ, fragte sie sich, warum ihre beste Freundin wieder mit ihrem Partner zusammen war. Zwei Wochen später war Priya tot.

Junge Frau stirbt noch am Tatort in Mössingen

Am 18. Juni 2023 eskalierte erneut ein Streit in Priyas Wohnung. Was genau in der Tatnacht passiert war, darüber kann Sonja bis heute nicht sprechen. Nach den Feststellungen des Gerichts schlug der Mann seine Freundin mehrfach, unter anderem mit einem Wasserkocher, würgte sie und brach ihr durch massive Gewaltanwendung den Brustkorb. Obwohl Priya regungslos am Boden lag, hörte er nicht auf und stach mit einem Küchenmesser auf sie ein. Die junge Mutter starb noch am Tatort.

Der Täter verließ die Wohnung und ließ die gemeinsame Tochter zurück. Erst rund 36 Stunden später fand die Großmutter das Kind – und Priya leblos im Wohnzimmer. Dass das Mädchen überlebte, sei reiner Zufall gewesen, stellte das Gericht fest. Heute wächst Priyas Tochter bei den Großeltern auf.

Als Sonja nach der Arbeit von der Tat erfuhr, »brach eine Welt zusammen«. Sie stand bei ihrer Schwester, hörte die Nachricht, begriff sie zunächst aber nicht. »Dann habe ich nur gesagt: Priya ist tot.« Während der Dreharbeiten kommen ihr die Tränen. »Ich brauche eine Pause«, sagt sie – und verlässt das Bild.

Urteil des Landgerichts Tübingen: zwölf Jahre Haft

Im Prozess Anfang 2024 saß Sonja an jedem Verhandlungstag im Gerichtssaal. Sie wollte wissen, was geschehen war. Sie wollte das Urteil hören. Der Täter gestand, sprach von Alkohol und Kontrollverlust. Mehrfach musste Sonja den Saal verlassen – sie hielt die Schilderungen nicht aus. Das Gericht folgte seiner Darstellung nur eingeschränkt. Zwar sei seine Steuerungsfähigkeit vermindert gewesen, so die Schwurgerichtskammer, schuldfähig sei er dennoch. Nach der Tat habe er rational gehandelt: Flucht organisiert, Spuren beseitigt, Kontakte auf dem Smartphone gelöscht.

Das Urteil lautete auf zwölf Jahre Haft wegen Totschlags und versuchter schwerer Aussetzung der Tochter. Zusätzlich ordnete das Gericht eine Therapie an. Für Sonja ist das Strafmaß schwer zu ertragen. »Viel zu wenig«, sagt sie. Ihre erste Reaktion im Saal: »Lächerlich.« Dann rannte sie hinaus.

Angst hat Sonja vor dem Tag, an dem der Täter wieder frei sein könnte – voraussichtlich 2036, bei guter Führung möglicherweise schon 2032. »Ich weiß nicht, was dann in meinem Kopf passiert«, sagt sie. »Hass, Wut, Trauer – alles gleichzeitig.«

Was bleibt, sind Erinnerungen an Priya: an ihren Humor, ihre Wärme, ihre Loyalität. »Sie war eine wundervolle, coole, chaotische beste Freundin.« Sie habe immer ein offenes Ohr gehabt. Ein gemeinsames Lieblingslied löst bis heute Tränen aus – und ruft zugleich schöne Momente zurück. »Da ist immer noch ein Stück Priya im Herzen.«

Hilfe bei Gewalt gegen Frauen

Gewalt gegen Frauen hat viele Formen – körperliche, psychische, sexualisierte oder digitale. Bei aktuer Gefahr sollten Betroffene die Polizei unter der Notrufnummer 110 rufen. Es gibt bundesweit und regional Anlaufstellen, die anonym, vertraulich und kostenfrei helfen. Auch Angehörige, Freundinnen und Freunde können sich beraten lassen. Es gibt das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116016, das rund um die Uhr in 18 Sprachen erreichbar ist. In Reutlingen gibt es das Frauenhaus, in dem Betroffene Schutz und Hilfe finden: 07121300778. In Tübingen betreibt der Verein »Frauen helfen Frauen« ein autonomes Frauenhaus und eine Beratungsstelle: 070717911100. (GEA)

Am Ende richtet Sonja einen eindringlichen Appell an andere: »Schaut hin, wenn etwas komisch ist.« Ob blaue Flecken oder verändertes Verhalten – man müsse früh reagieren. Damit sich eine solche Geschichte nicht wiederholt. (GEA)