METZINGEN. Im kommenden Frühjahr wird im ehemaligen Postgebäude am Metzinger Bahnhof eine Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin öffnen. Die Stadtverwaltung hat die Pläne, hinter denen ein Jahr intensiver Verhandlungen und Vorbereitungen steht, jetzt öffentlich gemacht. Ende 2022 hatte die Postbank-Filiale geschlossen. Im unteren Geschoss ist im März 2023 das Sanitätshaus Jud eingezogen, das Geschoss darüber war seither leer. Inzwischen gehen hier Handwerker aus und ein. Am 1. März 2026 wollen die zwei Ärzten loslegen.
»Das Thema hat absolute Priorität und ist Chefsache«
Vincent Müller und Johannes Jakober, beide 32 Jahre alt, beide aus der Region, haben sich schon bei ihrem Freiwilligen Sozialen Jahre im Rettungsdienst kennengelernt und lebten während ihres Medizin-Studiums in Tübingen zusammen in einer WG. Über Presseberichte und Kollegen waren sie auf die Aktivitäten der Stadt Metzingen zur Sicherung der ärztlichen Versorgung aufmerksam geworden. Also wandten sie sich per Mail ans Rathaus. Das war am 21. Oktober 2024 abends um 21.14 Uhr. Morgens hatten sie eine Antwort - und einen Termin. Für Carmen Haberstroh und Patrick Hubertz eine Selbstverständlichkeit. »Das Thema hat absolute Priorität und ist Chefsache«, sagt die Oberbürgermeisterin. »Wir haben sofort unser Netzwerk angeschmissen«, sagt der Erste Bürgermeister.
Die Verwaltungsspitze nahm Dr. Roman Hadjio ins Boot, der der Stadt schon beim Hausarztzentrum Hofbühl in Neuhausen, das die Stadt initiiert und realisiert hat, wertvolle Beraterdienste geleistet hat. Zugegangen ist Patrick Hubertz auch auf Thomas Probst, den Geschäftsführer von Considio. Das Rottweiler Unternehmen ist spezialisiert im Bereich Planung, Innenausbau und Ausstattung von medizinischen Praxen und Praxiskliniken. »Bei der ersten Begehung haben wir das Potenzial und die Probleme des Postgebäudes gesehen«, sagt Patrick Hubertz. Die gute Lage direkt am Bahnhof auf der einen Seite, die Nicht-Barrierefreiheit und das relativ laute Umfeld auf der anderen.
»Ärzte ohne Räume und Räume ohne Ärzte«
Nicht bei jedem Projekt ist so viel rund gelaufen wie jetzt in der alten Post. »Wir haben schon viel Energie investiert, ohne dass Ärzte und Vermieter zueinander gefunden haben«, sagt Patrick Hubertz, »in diesem Fall hatten wir das nötige Quäntchen Glück.« Das in diesem Fall Carmen Haberstroh gebracht hat. Bei einem Termin mit Paul Seibold junior sprach sie ihn auf das leerstehende Postgebäude an, das schon sein Vater gekauft hatte. »Ich fahre täglich dran vorbei und dachte: 'Das wäre eigentlich ein idealer Praxisstandort'«, blickt sie zurück. Seibold zeigte sich sofort offen für die Idee. Die Stadt Metzingen hat einen langfristigen Mietvertrag mit dem Eigentümer geschlossen und vermietet die Räume an die Ärzte weiter.
Paul Seibold junior lobt die "tolle Zusammenarbeit mit der Stadt" und ist immer noch positiv überrascht, wie sehr sich Patrick Hubertz reingekniet hat. Der verweist bescheiden nicht nur auf sein Team, sondern immer wieder auf das Bemühen, die medizinische Versorgung in der Sieben-Keltern-Stadt sicherzustellen, das Carmen Haberstroh schon in ihrem Wahlkampf zum Thema gemacht hatte. "Den Zufall erarbeiten", beschreibt Roman Hadjio so ein Prozedere. Der Medizin-Experte hat schon oft genug »Ärzte ohne Räume und Räume ohne Ärzte« erlebt. "Hier hat alles geklappt", strahlt er.
»Wir wollen langfristig auch neue Fachärzte für Metzingen gewinnen«
Der Umbau ist anspruchsvoll. In Kalenderwoche 50 wird ein Aufzug eingebaut, der künftig für Barrierefreiheit sorgt. Die Fenster wurden erneuert - drin hört man nichts von draußen. Die Räume, alle klimatisiert, sind auf die Bedürfnisse einer modernen Arztpraxis zugeschnitten. »Bauen im Bestand ist anspruchsvoll«, sagt Bauleiter Manuel Peter und denkt dabei nicht nur an den Kamin, der aus einer Wand rauskam, sondern auch an die zahlreichen Balken, die für die neuen Räume versetzt werden mussten, ohne dass die Statik wackelte.
Erst das Hausarztzentrum Hofbühl in Neuhausen, jetzt das Ärztehaus am Bahnhof: Zwei Erfolgsmeldungen im Bereich der ärztlichen Versorgung in Metzingen. Aber nur ein Zwischenschritt: Die Verwaltungsspitze arbeitet intensiv an der Entwicklung eines Gesundheitszentrums auf dem Schlachthofareal. Das hätte dann eine ganz andere Dimension als die alte Post. Die hat »nur« 300 Quadratmeter - auf dem Schlachthofareal spricht man von einer Fläche zwischen 3.000 und 4.000 Quadratmetern. Das hängt davon ab, welcher Investor das Projekt baut und wer ins Haus kommt. »Mit dem geplanten Gesundheitszentrum wollen wir den bestehenden Haus- und Fachärzten moderne Räumlichkeiten anbieten und langfristig auch neue Fachärzte für Metzingen gewinnen«, sagt Patrick Hubertz. (GEA)


