MÜNSINGEN. Die Bereitschaftspraxis in der Albklinik in Münsingen schließt endgültig zum 30. September. Was das für die Patienten bedeutet und welche Alternativen sie künftig haben, versuchte Dr. Doris Reinhardt von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) in der Münsinger Alenberghalle zu erklären. So weit der Plan, allerdings hat dann selbst die KVBW weniger Zeit auf technisch-medizinische Handhabe als auf Verteidigung und Erklärung der Schließung verwendet.
Die Argumente wurden schon oft ausgetauscht, viel sachlich Neues gab es in der Alenberghalle nicht zu erfahren. Die KVBW hat sicher prinzipiell gute Argumente, die Struktur der Bereitschaftsversorgung auf neue Füße zu stellen. Verkürzt auf den demografischen und den Wandel in der Ärzteschaft heißt das: mehr und ältere Patienten stehen gleichzeitig weniger Hausarztpraxen gegenüber, weil junge Mediziner sich die Rund- um-die Uhr-Verfügbarkeit im Dorf nicht mehr antun wollen. Und viele eben auch die nicht die zusätzlichen Bereitschaftsdienste.
So weit, so unumstritten. Der Punkt, an dem sich der Widerstand - getragen von der Bürgerinitiative Albklinik, Bürgermeister Mike Münzing, dem Landkreis und den Reutlinger Kreiskliniken - festmacht, ist: Warum soll auf der Alb jetzt ein funktionierendes System gekippt werden, mit dem nicht nur die Patienten, sondern auch die betroffenen Bereitschaftsärzte, die Kreiskliniken und - last not but least - Kreis und Stadt zufrieden sind.
In die Bereitschaftspraxis - nicht zu verwechseln mit der Notaufnahme - kommt am Wochenende, wer unter der Woche zum Hausarzt gehen würde. Um Leben und Tod sollte es also nicht gehen, um Betreuung und den persönlichen Kontakt mit einem Arzt aber schon. In manchen, vielleicht vielen Gebieten in Baden-Württemberg kann das bisherige System nicht mehr aufrechterhalten werden.
Im Landkreis Reutlingen klappt es aber noch, sind sich Dr. Eberhard Rapp, selbst im Bereitschaftsdienst und Sprecher der Bürgerinitiative, und Dominik Nusser, Geschäftsführer der Kreiskliniken, sicher, und sie vertraten diese Ansicht auch in der Alenberghalle. Zum wiederholten Mal, der GEA berichtet mehrfach. Doris Reinhardt beharrte aber auf dem Standpunkt der KVBW: neutrale Kriterien für ganz Baden-Württemberg, Erreichbarkeit per Pkw in 30, maximal 45 Minuten, genügend Ärzte, ohne diese durch die Bereitschaftsdienste zu überfordern. Wie sie es ausdrückte: »Ich weiß, ich treffe unpopuläre Entscheidungen.« Sie könne aber nicht da, wo es am meisten Widerstand gebe, zurückrudern.
»Wir leben in Mitteleuropa, es darf nicht so weit kommen, dass nur noch der liebe Gott hilft.«
Auch die jungen Ärzte seien durchaus bereit, Bereitschaftsdienste zu leisten, sagte Dr. Rapp. Eine Verlagerung des Standorts nach Reutlingen und Ehingen sei eine Nullsumme: Personal und Platz sind in Münsingen vorhanden, wo der Vorteil einer Konzentration liege, erschließe sich nicht, weder für Patienten noch für die Ärzte: Die Menschen im ländlichen Raum dürften nicht abgehängt werden. Die Bereitschaftspraxis weit weg, die Notaufnahme nicht zuständig, Krankentransportdienste ausgelastet: »Wir leben in Mitteleuropa, es darf nicht so weit kommen, dass nur noch der liebe Gott hilft.«
Bürgermeister Mike Münzing, scharfer Kritiker, hält die Schließung für eine »Mogelpackung«. Wie im Supermarktregal, meinte er, weniger Inhalt in der Schokoladentafel, dafür ein höherer Preis. An diesem Abend habe er von Dr. Reinhardt nichts Konstruktives gehört. Weder würden Erreichbarkeitszeiten noch Kapazitäten erhöht - eine Mogelpackung. »Ja, wir müssen belastbare Strukturen schaffen, dazu muss die KV ihre Arbeit leisten«. Aber mit Blick auf die regionalen Gegebenheiten sagte er: »Wer dieselben Konzepte von Flensburg bis Oberbayern durchsetzt, hat seinen Job nicht verstanden«. Eine Diskussion mit der KVBW habe es nicht gegeben, ein System wurde über ganz Baden-Württemberg gestülpt.
Andreas Rost hatte in der Alenberghalle den Bereitschaftsdienst in Ehingen vorgestellt, künftig neben Reutlingen der zweite Anlaufpunkt für die Älbler. Für ganz selbstlos hielt Münzing die »Willkommenskultur« in Ehingen nicht: Der Alb-Donau-Kreis baue sein Zentrum am Krankenhaus zielbewusst aus. Auch Dr. Rapp hielt Rosts Werbung für Ehingen für übertrieben. Und Dominik Nusser meinte dazu: »Alles, was Sie (Andreas Rost) anpreisen und jetzt in Ehingen aufbauen, Notaufnahme und Bereitschaftsdienst am selben Platz und über denselben Tresen, das haben wir in den Kreiskliniken, auch in der Albklinik, schon.«
»Wie im Supermarktregal, weniger Inhalt in der Schokoladentafel, dafür ein höherer Preis. «
Mike Münzing verwies auf die sehr gute Ärzteversorgung um Münsingen: »Wir haben um jede Praxis gekämpft«. Um so weniger Verständnis hat er dafür, dass bei der Entscheidung um den Standort die Kommunen nicht gefragt wurden. Vor Gericht habe man erfahren, dass das die Gemeinden nichts angehe. Aber genau das treibe Demokratieverdrossenheit und Frust über Bürokratie voran: »Hier werden wir ohne demokratische Teilhabe von einem Interessenverband - der KVBW - fremdbestimmt«.
Die Alenberghalle war gut besetzt, in der Fragerunde wiesen die Zuhörer auf ganz praktische Probleme hin. Etwa darauf, dass in Reutlingen schlicht selten ein Parkplatz zu bekommen sei. Dass die Wartezeiten schon jetzt in Reutlingen mehrere Stunden betragen könnten. Oder dass 30 bis 45 Minuten im Auto plus langer Wartezeiten in zentralisierten Bereitschaftspraxen mit einem Kind mit 39 Grad Fieber oder einem angespannten Senior in der Realität eine echte Herausforderung seien.
Glücklich ging aus der Infoveranstaltung der KVBW keiner hinaus. Dr. Reinhardt musste sich zum wiederholten Mal harsche Kritik gefallen lassen. Bei den Betroffenen bleibt der schale Beigeschmack, dass mit dem Festhalten an der Schließung sachliche, regionale Argumente von der Interessenvertretung der Kassenärzte schlicht ignoriert worden sind. (GEA)



