WANNWEIL. »Hattest Du schon einmal den Eindruck, einem Engel begegnet zu sein?« Diese Frage steht in der aktuellen »Brücke«, dem Gemeindebrief der evangelischen Kirchengemeinde Wannweil. Ein Hinweis auf den Engelsweg, der sich seit Ende November durch die ganze Echaz-Gemeinde zieht. Die Idee von Colette Miller (vergl. Infobox) in den Ort gebracht hat Sabine Rist. Als sie in Hessen pilgerte, sah sie Engelsflügel und war von der Idee sofort begeistert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Engel in Wannweil landen sollten.
Man braucht sie, findet Sabine Rist, mehr denn je. »Weil unsere Welt gerade so ernst ist«, sagt sie. Engel als Friedens- und Heilsbringer. Vor allem jetzt. »Die Adventszeit ohne Engel kann man sich gar nicht vorstellen«, sagt Sabine Rist. Was die Idee von Colette Miller besonders reizvoll macht: »Viele, haben einen Bezug dazu – auch wenn sie keinen christlichen Hintergrund haben.«
Engelsflügel hängen oder stehen in Wannweil an 15 ganz unterschiedlichen Orten. Die rund um die Johanneskirche und in der Bücherei im Rathausgebäude und gegenüber sind besonders frequentiert. Vor der evangelischen Kirche hängen gleich zwei Paar – eins für große und eins für kleine Menschen. Regelmäßig kommt der Kindergarten vorbei und hat seine helle Freude. Vor der Johanneskirche steht ein ehemaliges Arzneischränkchen. Darin: Engel zum Mitnehmen aus Holz und Kunststoff. Daneben blaue »Segensbändchen« mit Psalm 91: »Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie Dich behüten auf allen Deinen Wegen.« Ein beliebter Taufspruch, sagt Bernd Rexer.
»Viele haben einen Bezug dazu – auch wenn sie gar keinen christlichen Hintergrund haben«
Der Pfarrer der evangelischen Johanneskirche lobt Sabine Rist und Suse Lutz, die das Global Angel Wings Project in die Echaz-Gemeinde gebracht haben. »Sie haben unglaublich gepowert«, sagt der Theologe. Für ihn sind sie Boten der göttlichen Welt, die aber auch ganz allgemein für die Sehnsucht der Menschen nach Ruhe und Frieden in einer von Unsicherheit und Krieg geprägten Welt stehen.
»Oft passiert im Leben was, was in diesem Augenblick genau richtig ist«, sagt Suse Lutz, »das ist doch so was wie eine Engels-Erscheinung.« Sie denkt zurück an ihre Nachbarin, die sich als Kind immer nur halb auf einen Stuhl drückte. Damit der Schutzengel noch Platz hatte. Für Sabine Rist sind Engel Symbole, die viele verschenken, »wenn einem die Worte fehlen«. Sie bringen auf jeden Fall immer Menschen ins Gespräch. So wie neulich im Pflegeheim. An die göttlichen Boten glaubt nicht jeder. Aber an Engel in Menschengestalt.

Die 15 Stationen des Wannweiler Engelswegs sind eine Seite des Projekts – die begleitenden Veranstaltungen die andere. Wie das Engelbasteln in der Bücherei. Beim Weihnachtsmarkt gab’s in der evangelischen Kirche einen »Raum der Stille«, zu dem mehr kamen als sonst, wie Pfarrer Rexer zurückblickt. Die katholische Kirche machte eine Auszeit zum Thema, Rauchbrand-Keramikerin Mechthild Mathes einen Workshop in ihrer Werkstatt. Im nächsten Jahr geht’s am 18. Januar weiter mit dem etwas anderen »G2-Gottesdienst«. In der Johanneskirche treffen göttliche Boten auf Engel in Menschengestalt: Manuela Seynstahl (Metzingen) wird die Psychosoziale Notfallversorgung Reutlingen vorstellen. (GEA)
Global Angel Wings Project
Colette Miller ist eine US-amerikanische Künstlerin und Performerin. Ihr bekanntestes Werk – das Global Angel Wings Project – hat sie 2012 in den Straßen ihrer Heimatstadt Los Angeles, der »City of Angels« ins Leben gerufen. Sie malte große Engelsflügel an Wände, damit Passanten sich davorstellen und selbst Flügel tragen konnten. »Ich habe die Flügel gemalt, um daran zu erinnern: Wir Menschen sind die Engel dieser Erde«, sagt sie, »nicht, weil wir fehlerlos sind, sondern weil wir immer wieder Schutzengel für andere sein können und sollten.«
Seither hat sie Hunderte solcher Flügel installiert – nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt. Obwohl einige in Auftrag gegeben und andere verschenkt wurden, sind die Miller’schen Flügel kostenlos. »Sie gehören niemandem, nicht einmal Colette selbst, obwohl sie ihr ihre Herkunft und ihr Werk verdanken«, schreibt Miller auf ihrer Homepage. (and)





