MÜNSINGEN. »Es werden sich Räume auftun.« Kunsthistorikerin Argiro Mavromatis verspricht nicht zu viel. Die vierte Ausstellung des Living Museum Alb in Buttenhausen - die schlicht und einfach Edition 4 heißt - gleicht einem Spaziergang mit Alice durchs Wunderland: Überall öffnen sich Türen, hinter denen sich fantastische Welten auftun - Gedanken- und Gefühlswelten in allen Farben und Formen.
Das Living Museum wird getragen von der Bruderhaus-Diakonie und bietet Künstlern mit Handicap nicht nur Räume fürs kreative Arbeiten, sondern vor allem auch eine öffentliche Plattform, auf der sie zeigen können, was im inklusiven Atelier entsteht. Zu sehen sind jetzt und noch bis 19. April Arbeiten von sieben etablierten Künstlern und zwei Newcomern, berichtet Sarah Boger, Leiterin des Living Museums.
Zu den Newcomern zählt Hubert Herter, der sich seine eigene farbgewaltige Welt baut, die »Hubi-Welt«, wie sie im Living Museum liebevoll genannt wird. In der von Dorothea Schwarz kuratierten Ausstellung bekommen Herters Arbeiten - kleine Skulpturen und Mobiles aus Alltags-Fundstücken wie Wäscheklammern, Pfeifenputzern und Klorollen, aber auch Malereien - eine Bühne: Die auf drei Seiten geschlossene schwarze Box erinnert an ein Puppentheater, eine kleine, geborgene und wohltuend heile Welt.

Auch der zweite Newcomer liebt es bunt: Michael Märkle spart nicht mit seinen puren Farben, er trägt sie üppig und wuchtig bis in den letzten Leinwandwinkel auf, es darf und soll knallig sein. Märkle porträtiert lustvoll das pralle Leben im Sinnesrausch - Tiere und Menschen, musizierende Wesen und Motorradfahrer, Kanarienvögel und Pferde. Tiere stehen auch bei zwei anderen Künstlern ganz klar im Mittelpunkt. Mehmet Cavdars Zeichnungen sind fein und detailliert, virtuos lässt er seine und andere Tiere auf farbigem Hintergrund schweben. Kunsthistorikerin Argiro Mavromatis attestiert Mehmet Cavdar »Sinn fürs Mystische« und fühlt sich an Franz Marcs expressionistische blaue, gelbe und rote Pferde erinnert. Auch leise Melancholie schwingt mit, zum Beispiel im Blick einer Katze.
Andrea Schäfers gezeichnete Tiere »strahlen Wärme und Geborgenheit aus«, findet Argiro Mavromatis, die sich »an die Wünsche der Kindheit erinnert« fühlt. Eine ganz ähnliche Atmosphäre lässt Helene Schmid entstehen, die in ihren reduzierten Zeichnungen Menschen im Sonnenschein umherwandeln lässt. »Sie liebt das Verträumte und Heimelige«, beschreibt es die Kunsthistorikerin. Den Minimalismus meisterhaft auf die Spitze treibt Irmgard Lehmann: Mit wenigen schwarzen, feinen Strichen porträtiert sie Gemüse auf kleinen weißen Zetteln. Edel gerahmt, hängen Rosenkohl, Schnittlauch, Gurke und Konsorten wie in einer skurrilen Ahnengalerie nebeneinander und zaubern den Betrachtern ein Lächeln ins Gesicht.
Züge des Minimalismus, aber auch der seriellen Kunst haben die Bilder von Justine Eberhard. Aus winzigen grafischen und geometrischen Elementen setzt sie ihre Bilder zusammen, die an Wimmelbilder erinnern. »Alles ist bunt und in Bewegung, eine spielerische Parade«, findet Argiro Mavromatis und denkt an »viele bunte Smarties«. Anblicke, die einfach gute Laune machen müssen, schafft auch Steffen Schiebel. Er malt bunte Mischwesen - ob sie nun Menschen, Tiere oder Maschinen sind oder eben ein bisschen von allem, ist ganz egal, denn sie gehören in ihren eigenen Kosmos, der an Animationsfilme oder Comics erinnert.
Staunen und sich verneigen muss man vor der Komplexität von Jürgen Klokers Gedankenkonstrukten, die er in Objekte und Installationen übersetzt und in seinen eigenen philosophischen Texten dazu erläutert. Wie sieht eigentlich das Denken aus? Dieser Frage widmet sich der Künstler in plastischen Metaphern. Sein Kafka hat Konfetti im Kopf, das Betrachter mittels Blasebalg zum Wirbeln bringen. Das Thema Spiel setzt er in mehreren Skulpturen um. Die Mehrdeutigkeit des Worts »Mühle« inszeniert er mit Spielbrett, Kaffeekapseln und Löffeln, die zu Windmühlenflügeln umfunktioniert werden, als Hommage an die Alltagskultur.
Philosophen auf dem Schachbrett
»Die unsterbliche Schachpartie« macht die Züge der Kontrahenten Adolf Anderssen und Lionel Kieseritzky einer Spielbegegnung aus dem Jahr 1851 sichtbar. »Auf einem Schachbrett wird mit feinen Drähten und Lichtakzenten die historische Partie nachgezeichnet«, schreibt Kloker dazu. Auf dieser Miniaturbühne lässt er dazu noch die Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Johann Gottlieb Fichte als »sinnbildliche Beobachter des Denkens« auftreten.
»Unseren Künstlern bedeutet es viel, ihre Werke zeigen zu können und Anerkennung dafür zu erfahren«, betont Kunsttherapeutin Sarah Boger. Ausstellungen wie die Edition 4 lösen Grenzen auf und öffnen »Räume, in denen Andersartigkeit und Vielfalt als Bereicherung der Gesellschaft sichtbar wird«. Künstler mit Handicap sind also mittendrin, anstatt am Rand zu stehen - auch wenn der Begriff »Outsider Art« für Sarah Boger und ihre Mitstreiter im kunsthistorischen Zusammenhang durchaus seine Berechtigung hat. »Er steht für Kunst, die außerhalb des etablierten Kunstbetriebes entsteht, und hilft, diese kulturellen Beiträge einzuordnen.« Aber: »Im Kontext von Inklusion und kultureller Teilhabe sehen wir den Begriff kritisch. Hier sollte er nicht dazu führen, dass die Kunst von sogenannten Outsidern für die breite Gesellschaft unsichtbar bleibt.« Ein Zitat von Susanne Zander trifft aus ihrer Sicht den Kern der Sache: »Man muss Kunst über die Qualität der Arbeit vermitteln und nicht über die Biografie des Künstlers.« (GEA)
Geöffnet bis 19. April 2026
Die Ausstellung Edition 4 ist bis 19. April 2026 im Living Museum Alb der Bruderhaus-Diakonie in Buttenhausen, Schmiedgasse 5, von Montag bis Freitag von 8.30 bis 11.30 Uhr sowie von 13 bis 15.30 Uhr geöffnet. Gruppen werden gebeten, sich vorab bei Sarah Boger per E-Mail anzumelden. Sarah.Boger@bruderhausdiakonie.de



